Vom Geometer zum Maschinenbauer

Geboren wurde Bruno Sacco am 12. November 1933 im italienischen Udine. Der Sohn eines Italieners und einer Österreicherin hatte 1950 zunächst eine Ausbildung zum Geometer abgeschlossen. Mit erst 17 Jahren war er der jüngste Vertreter seiner Zunft in Italien, doch beruflich sollte er eine andere Richtung einschlagen. Als Sacco im April 1951 die Automobilausstellung in Turin besuchte, sah er dort einen Studebaker Starlight, der vom französischen Designer Raymond Loewy gestaltet worden war. Die flache, europäischen Sportwagen nicht unähnliche Karosserie faszinierte den jungen Sacco und als er in der italienischen Grenzstadt Tarvisio immer wieder amerikanische Soldaten in einem Studebaker Commander Champion sah, war es endgültig um ihn geschehen. Sacco wollte Automobildesigner werden.

1952 zog Sacco mit seiner Familie nach Turin. Dort studierte er Maschinenbau und suchte bereits während des Studiums Kontakt zu den berühmten italienischen Karosserieschmieden Pininfarina und Carozzeria Ghia, für die er kleinere Aufträge erledigte. Für sein späteres Wirken profitierte er sicher vom Wissen der erfahrenen italienischen Designer, doch noch mehr faszinierte ihn Mercedes-Benz. In den 1950er-Jahren waren die Schwaben im Rennsport in aller Munde, nachdem sie mit dem Mercedes 300 SL – dem „Silberpfeil“ – siegreich auf die Rennstrecke zurückgekehrt waren.

 

Auf nach Schwaben!

In Turin lernte Sacco den für den Karosseriebau zuständigen Ingenieur Karl Wilfert kennen, der ihn Ende 1957 in das Mercedes-Werk nach Sindelfingen einlud. Dort wurde er wenig später, am 13. Januar 1958, als zweiter Stylist neben Paul Bracq für anfängliche 650,- DM Monatsgehalt eingestellt. Von Beginn an ist er dort mit dem Mercedes SL verbunden, der ihn von allen Mercedes-Modellen mit Abstand am meisten faszinierte. Mitte der 1960er-Jahre hatte er sogar den 300 SL (W 198) mit der Fahrgestellnummer 0001 erworben, mit dem im Februar 1954 das Modell in New York präsentiert worden war.

Ein Mercedes 300 SL in roter Farbe.Von MAC Museum Art & Cars, MAC 300 SL, CC BY-SA 4.0

Gibt es einen schöneren Oldtimer von Mercedes? Der 300 SL im MAC Museum Art & Cars.

Unter Wilfert und dem Mercedes-Sicherheitspapst Béla Barényi arbeitete er an verschiedenen Projekten, wie der Staatskarosse Mercedes-Benz 600 (Baureihe W 100) und den liebevoll „Pagode“ genannten Modellen 230 SL, 250 SL und 280 SL der Baureihe W 113. Für die als „rollende Versuchslabore“ bezeichneten Experimentalfahrzeuge C 111 war er leitender Designer der ersten beiden Versionen.

Ab 1970 übernahm er die Führung der Abteilung Karosseriekonstruktion und Maßkonzeption. Damals entstanden die Prototypen der Experimentier-Sicherheits-Fahrzeuge (ESF) und die Baureihe W 123, die von 1975 bis 1986 als bislang meistgebautes Mercedes-Modell produziert wurde. 1975 trat Sacco die Nachfolge von Karl Geiger in der Hauptabteilung Stilistik an und gab seitdem den Ton beim Erscheinungsbild bei Mercedes an.Neben der dritten Version des C 111 (1978) entstand 1979 die Oberklasse-Baureihe W 126 mit den nach ihm benannten Sacco-Brettern, den charakteristischen breiten Seitenschutzleisten, die das Design der breiten Kunststoffstoßfänger um die Karosserie weiterführten.

Ein Mercedes W126 in blau.Von _morgado, Castelo Branco Classic Auto DSC 2622 (17533039625), CC BY 2.0

Die Sacco-Bretter, hier an einem W 126, heben sich deutlich von den bis dahin verwendeten schmalen Zierleisten ab.

Auch das Aussehen weiterer Entwicklungen, wie des 1982 eingeführten Mercedes 190 (W201) und später der A-Klasse gingen auf seine Kappe. 1993 wurde er schließlich Leiter Design und Mitglied des Direktoriums.

 

Die Sacco-Philosophie

Saccos innovative Formkonzepte setzten Trends, die vielfach von der Konkurrenz kopiert wurden. Seine Devise war eine harmonische Modellentwicklung. Er wollte nicht, dass neue Modelle ihre Vorgänger sprichwörtlich „alt aussehen“ ließen. Zugleich war er sich bewusst, dass innovative Technik nur mit einem innovativen Design voll zur Geltung kommt. Seine Entwicklungen waren keine Kunst um der Kunst willen, sondern sollten am Markt Erfolg haben.

Bruno Sacco mit einem W201-Modell.Von DaimlerChrysler AG, SaccoBruno, CC BY-SA 3.0

Sacco mit einem Modell der Baureihe W201.

1999 ging Bruno Sacco in den Ruhestand. Sein Wirken als Chefdesigner bei Mercedes-Benz verdichtet sich im Erfolg des Mercedes SL. Der SL-Baureihe R 129 widmete er sich ganz besonders und sie gilt wohl zurecht als sein Meisterstück. 35 Jahre nach der legendären Stilikone W 198 beziehungsweise 300 SL gelang ihm erneut die wegweisende Verbindung von Form und Dynamik.

Mercedes R129 Techno Classica Essen 2018Von Matti Blume, Mercedes-Benz, Techno-Classica 2018, Essen (IMG 9970), CC BY-SA 4.0

Saccos Meisterwerk: Der R 129 auf der TechnoClassica 2018 in Essen.

Sein letzter Coup war die zwei Monate nach seinem Ausscheiden im Mai 1993 vorgestellte E-Klasse mit ihren elliptischen Doppelscheinwerfern, die das PKW-Design von Mercedes-Benz bis in das heutige Jahrtausend hinein geprägt haben. Seine wichtigste Regel: Ein Mercedes sieht immer wie ein Mercedes aus. Da ist es schon fast verwunderlich, dass ausgerechnet die anfangs wenig geliebten Seitenschutzleisten seinen Namen tragen – ein Sondermodell wäre da vielleicht angebrachter gewesen.


Mercedes-Benz SL (R129)


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