Planwirtschaftliche Langeweiler?

Mladá Boleslav in Böhmen im Jahr 1959: Mit dem Sportcabriolet Felicia und der Limousine Octavia stellte Skoda zwei Autos vor, die eigentlich nur Facelifts der bereits seit Jahren laufenden Modelle S 440, S 445 und S 450 waren. Die Namensänderung erfolgte nicht zuletzt wegen des zweiten Fünfjahresplans in der Tschechoslowakei, der bis 1960 lief. Die Fachwelt glaubte daher nicht an einen nachhaltigen Erfolg dieser Autos, schon gar nicht auf westlichen Märkten. Doch tatsächlich wartete der achte Skoda – der Octavia – mit einer für seine Zeit modernen Einzelradaufhängung und Schrauben- statt Blattfedern auf und konnte mit seinem erfrischenden Design zusammen mit der Cabrio-Variante Felicia auch auf den Autosalons in Brüssel und Genf überzeugen.

Ein roter Skoda Octavia in der Frontansicht.

Der erste Skoda Octavia basierte auf dem S 440 (Foto: Sebastian Maćkiewicz at pl.wikipedia - Originally from pl.wikipedia; description page is/was here., CC BY-SA 3.0, Link).

Grundstein des späteren Erfolgs war der bereits im Dezember 1953 vorgestellte S 440, welcher der seinerzeit unter den Folgen einer Währungsreform leidenden Bevölkerung der Tschechoslowakei nicht nur als Volksauto dienen, sondern auch frische Devisen ins Land spülen sollte. Die zwei Jahre später beginnende Serienfertigung brachte ein elegantes und bereits technisch ausgereiftes Auto auf den Markt, sodass ein nur geringfügiges Facelift zum Octavia vollkommen ausreichte, um konkurrenzfähig zu bleiben.

 

Harte Gegner für den Westen

Der Skoda Octavia wurde in über 60 Länder verkauft. Er verfügte ab 1959 über einen 1,1-Liter-Viertakt-Frontmotor mit 40 PS und trat im Ausland gegen Ford Taunus 12 M, Opel 1200 oder Borgward Hansa 1100 an. Er schaffte es sogar bis in die Fuhrparks verschiedener skandinavischer Regierungen. Im gleichen Jahr kam auch die mit 1,2 Litern Hubraum und 45 PS etwas besser motorisierte Variante Octavia Super als Nachfolger des S 445 auf den Markt.

Ein roter Skoda Octavia Super in der Frontansicht.

Der etwas besser motorisierte Skoda Octavia Super (Foto: RalfR; die Herstellung oder Freigabe dieser Datei wurde durch Spenden an Wikimedia Österreich unterstützt).

Dann brachte Skoda schließlich mit dem Felicia noch ein ansprechend gestaltetes Cabrio auf Basis des S450, das auch zu cineastischen Ehren in unzähligen Kino- und TV-Filmen kam. Der Skoda Felicia war sicher das beliebteste Cabrio, das jemals in der Tschechoslowakei gebaut wurde. Als Verdeck waren sowohl ein Faltdach als auch ein GFK-Hardtop erhältlich. Skoda verkaufte insgesamt fast 15.000 Einheiten. Mehr als zwei Drittel wurden exportiert, denn auch jenseits des Eisernen Vorhangs genoss man die Vorzüge dieses Wagens, war er doch mit seinem 50 PS starken 1,1-Liter-Vierzylinder-Motor fast genauso gut motorisiert wie die Platzhirsche Porsche 356 und Borgward Isabella. Er kostete aber nur etwa die Hälfte und war sogar noch billiger als die Wartburg-Cabrios aus DDR-Produktion, die auf dem westeuropäischen Markt nur etwa ein Sechstel der Verkaufszahlen des Skoda Felicia erreichen konnten. Selbst in der DDR war der Wagen aufgrund seiner guten Verarbeitung und des sportlichen Images sehr beliebt, vermutlich sogar beliebter als die eigenen Produktionen.

Ein roter Skoda Felicia in der Frontansicht.

Mit dem Felicia stellte Skoda dem Octavia ein stilvolles Cabrio zur Seite (Foto: RalfR; die Herstellung oder Freigabe dieser Datei wurde durch Spenden an Wikimedia Österreich unterstützt).

 

Modellpflege …

Skoda legte bereits 1960 die Octavia-Modelle Touring Sport und 1200 Touring Sport nach, die bei gleichem beziehungsweise um 100 Kubikzentimeter erhöhtem Hubraum nun auf 50 PS und 55 PS Motorleistung kamen. Mit diesen Autos bestritt man 1960 die 10.000 Kilometer lange Tour d’Europe, bei der immerhin 54 der 70 angetretenen Konkurrenten ausfielen, und dokumentierte damit nachdrücklich die Qualität des Octavia. Auch bei der Rallye Monte Carlo machte der Octavia Touring Sport von 1961 bis 1963 mit drei Klassensiegen Furore.

Ein roter Skoda Octavia Kombi in der Heckansicht.

Der Skoda Octavia Combi im Skoda Museum in Mladá Boleslav (Foto: RalfR; die Herstellung oder Freigabe dieser Datei wurde durch Spenden an Wikimedia Österreich unterstützt.

Skoda lebte von einer konsequenten, aber moderaten Modellpflege, die letztlich schon Grundlage der Entwicklung beider Modellreihen war. Im Jahr 1961 kam die Modellvariante Octavia Combi mit fünf Sitzen und vertikal geteilter Heckklappe hinzu, die ebenfalls vom bewährten 1,1-Liter-Vierzylinder-Motor angetrieben wurde, der nun 47 PS leistete. Der im gleichen Jahr eingeführte Felicia Super kam auf nunmehr 52 PS.

 

… und Zwangspause

Im Jahr 1964 löste Skoda den Octavia und den Felicia allerdings durch die Modelle 1000 MB und 1100 MB mit Heckmotor ab. Das geschah bezeichnenderweise zu einer Zeit, als das Heckmotorenkonzept bei der Konkurrenz gerade außer Mode kam. Die Entscheidung für die Entwicklung eines Modells mit Heckmotor war bereits 1956 gefallen. Der Staatsbetrieb konnte allerdings nicht der rasanten Entwicklung der westlichen Autobauer nicht folgen und die neuen Modelle erst relativ spät auf den Markt bringen. Nur der später eingeführte Octavia Combi überlebte den Modellwechsel vorerst und wurde noch bis in die 1970er-Jahre produziert, da man keinen Ersatz mit einem vergleichbaren Ladevolumen bieten konnte. Sein Motor und sein Getriebe wurde von 1966 bis 1973 auch für den neuseeländischen Geländewagen Trekka benutzt.

 

Zwanzig Jahre später – eine Legende lebt

Im Jahr 1991 wurde Skoda privatisiert und als Marke in den Volkswagen-Konzern übernommen. 1994 kam als Nachfolger des Skoda Favorit wieder ein Felicia auf den Markt, der aber als Kleinwagen mit dem namensgebenden Kultcabrio nichts gemein hatte und 2001 durch den Skoda Fabia abgelöst wurde. Bereits zwei Jahre vor Einführung des Felicia hatte man aber mit der Entwicklung eines neuen Octavia begonnen, der 1996 zunächst als Schräghecklimousine und zwei Jahre später auch wieder als Octavia Combi verfügbar war. Die mehr als zwanzig Jahre währende Pause des Modells hat der Ausstrahlung des Modellnamens offenbar keinen Abbruch getan, denn der neue „Tschechen-Golf“ verhalf dem ehemaligen Staatskonzern in eine blühende Zukunft. Solide Technik von Volkswagen und eine ansprechend gestaltete, nobel wirkende Karosserie beflügelten den Imagewandel der Marke und ließen den Octavia bis auf den ersten Platz in den deutschen Importstatistiken klettern. Mittlerweile vier Generationen des Bestsellers Skoda Octavia mit mehr als 6,5 Millionen verkauften Fahrzeugen haben ihn zum Herzstück der annähernd 120 Jahre alten Traditionsmarke gemacht. Während die erste Generation des Octavia und des Felicia als Oldtimer zunehmend an Marktwert gewinnen und heute sehr beliebt sind, dürfte es nicht verwundern, wenn die nächste Generation auch als E-Auto vom Band läuft.

Der neue Skoda Octavia 2017.

Der aktuelle Skoda Octavia auf dem Genfer Autosalon 2017 (Foto: Norbert Aepli, Switzerland, CC-BY 4.0, Link)

 

Chronologie des Skoda Octavia/Felicia:

  • 1955: Weltpremiere des Skoda 440 als „Volkswagen“ für die Tschechoslowakei mit Vierzylindermotor und 40 PS Motorleistung

  • 1957: Einführung des Skoda 445 mit verbesserter Motorleistung von 45 PS

  • 1959: Einführung des Octavia mit 1,1-Liter-Vierzylinder-Motor und 40 PS Motorleistung und des Octavia Super mit 1,2-Liter-Motor und 45 PS Motorleistung auf Basis des S 440/445 sowie des Sportcabriolets Felicia, ebenfalls mit 1,2-Liter-Motor auf Basis des S 450

  • 1960: Vorstellung des Skoda Octavia Touring Sport mit 50 PS Motorleistung auf dem Genfer Autosalon

  • 1961: Facelift bei Octavia und Felicia, Einführung des Octavia Combi

  • 1962: Einführung des Felicia Super mit 1,2-Liter-Vierzylinder-Motor

  • 1964: Fertigungsende des Octavia am 11. April, lediglich die Kombivariante wird weiter produziert
    1969: Leistungssteigerung beim Octavia Combi

  • 1971: Fertigungsende des Octavia Combi am 21. Dezember, damit ist die erste Modellreihe des Octavia Geschichte

  • 1994: Einführung des Kleinwagens Felicia als Nachfolger des Skoda Favorit

  • 1996: Weltpremiere des neuen Skoda Octavia

  • 1997: Marktstart der Octavia-Limousine

  • 1998: Weltpremiere des neuen Octavia Combi auf dem Genfer Autosalon

  • 1999: Skoda baut eine Langversion als Chauffeurlimousine für die tschechische Regierung

  • 2001: Einführung der Sportversion Octavia RS

  • 2004: Einführung der dritten Generation des Octavia im Februar, die zweite Generation bleibt als Octavia Tour noch bis Dezember 2010 im Programm

  • 2012: Produktionsbeginn der vierten Octavia-Generation im November

  • 2013: Produktionsende der dritten Generation des Octavia

  • 2017: Facelift für die vierte Generation des Octavia