Gegensätze ziehen sich an

Eine Fusion von Elektromotor und Oldtimer zum Elektro-Oldtimer mag auf den ersten Blick nicht schlüssig klingen. Je nachdem, um welches Fahrzeug es sich handelt, verbinden Liebhaber klassischer Autos nicht nur einen charakteristischen Motorenklang, sondern vielfach auch Dreck und Öllachen mit ihren Lieblingen. Kann ein Elektro- oder E-Oldtimer, dem diese Charaktermerkmale fehlen, überhaupt Emotionen wecken? Und abseits der Emotionen stellt sich sicher auch die Kosten-Nutzen-Frage, denn für den Preis des Umbaus eines Oldtimers könnte man sich ja auch gleich ein modernes Elektroauto kaufen. Dennoch scheint die Umrüstung von Oldtimern zu E-Oldtimern derzeit häufiger ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

 

Alltagsautos …

In Deutschland gibt es einige Firmen, die hauptsächlich einstige Alltagsautos elektrifizieren. Allen voran steht hier der gute alte Käfer von Volkswagen. Spezialisiert auf diesen Wagen hat sich Robert Tönnies mit der Firma Murschel Electric Cars GmbH & Co. KG, die Schrottautos restaurieren und mit einem 100 Kilowatt starken Elektromotor ausstatten. Der „Retrokäfer“ beschleunigt in sehr untypischen knapp 5 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer. Dass es sich hierbei um ein Spaßmobil handelt, zeigt auch der nicht ganz alltagstaugliche Preis von 119.000,- €. Ein „Alltags-E-Käfer“ ist bei dem Hersteller e-cap Mobility aber auch schon ab etwa 25.000,- € zu bekommen.

Ein Retrokäfer mit Elektroantrieb im Heck (Foto: Maxchip - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link)Foto: Maxchip, Heckansicht Retrokäfer, CC BY-SA 4.0

Ein Retrokäfer mit Elektroantrieb im Heck.

Auch Alltagsklassiker aus dem europäischen Ausland, der Fiat 500 oder der Citroën 2CV müssen häufig für den Umbau zum E-Oldtimer herhalten, beispielsweise bei Fleck Machines im niederbayerischen Pfarrkirchen. Dort hat man auch schon einen Trabant, ein Goggomobil, T2-Bullis von VW und sogar ein Amphibienfahrzeug aus den 1960er-Jahren umgerüstet.

 

… und Stilikonen

Eine Umrüstung zum Elektroauto erfolgt natürlich nicht in erster Linie, um ein alltagstaugliches Fahrzeug zu schaffen. So dürfte der Markt für die Umrüstung von automobilen Stilikonen vermutlich mindestens genauso zukunftsträchtig sein. So hat sich e-cap Mobility beispielsweise an einen DeLorean aus dem Jahr 1981 gewagt und dem Wagen einen 50 Kilowatt-Motor mit einer Spitzengeschwindigkeit von 200 Stundenkilometern verpasst – ganz ohne Flux-Kompensator.

Ein DeLorean DMC-12 – Im Original von einem 2,8 Liter-Ottomotor angetrieben, im Film „Zurück in die Zukunft“ läuft er noch mit Kernenergie, mittlerweile auch als Umbau mit Elektromotor (Foto: Thilo Parg - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link)Foto: Thilo Parg, Dmc de lorean 1, CC BY-SA 3.0

Ein DeLorean DMC-12 – Im Original von einem 2,8 Liter-Ottomotor angetrieben, im Film „Zurück in die Zukunft“ läuft er noch mit Kernenergie, mittlerweile auch als Umbau mit Elektromotor.

Elerra motiv in Erfurt hat bereits mehrfach Porsche 911 verschiedener Baujahre elektrifiziert. Sogar ein Porsche 550 Spyder-Replika ist in Arbeit. Aber nicht nur Enthusiasten und Start-ups haben diesen Trend für sich erkannt. Auch die Automobilhersteller spielen auf diesem Markt mittlerweile eine Rolle. Aus einem E-Type von 1968 hat Jaguar den wohl schönsten Elektro-Oldtimer geschaffen, den „E-Type Zero“. Der Clou des 220 Kilowatt starken Wagens ist, dass er problemlos auf den Originalzustand zurückgebaut werden kann. Bei einer Beschleunigung von 5,5 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometern – eine Sekunde schneller als das Original – wird man den Originalmotor abgesehen vom Klang wohl gar nicht vermissen. Der Haken ist lediglich der Preis, denn der E-Type Zero dürfte um die 400.000,- € kosten. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Aston Martin mit seinem „Heritage EV“-Programm. Dort hat man einen elektrischen Antriebsstrang entwickelt, der in Form einer Kassette anstelle des alten Motors und Getriebes eingesetzt wird. Der für den Elektrosportwagen „Rapide E“ konzipierte Antrieb kann ebenfalls jederzeit wieder entfernt und die Basis in den Originalzustand zurückversetzt werden.

 

Replika statt Original – die „preiswerte Alternative“?

Replikas mit Elektromotor sind ebenso beliebt, wie die Umbauten von Originalfahrzeugen. Die englische Automarke Morgan, die von 1909 bis 1953 mit dem „Morgan Threewheeler“ einen kleinen Roadster mit nur einem Hinterrad auf die Straße brachte, ist seit 2011 mit einer modernen Interpretation ihres klassischen Konzepts mit Verbrennungsmotor vertreten. Seit 2018 gibt es auch die Elektrovariante EV3. Das Elektro-Dreirad mit 34,8 Kilowatt-Motor kommt auf immerhin 145 Stundenkilometer und schafft die Beschleunigung von 0 auf 100 in knapp neun Sekunden. Die Reichweite beträgt etwa 200 Kilometer. Ganz günstig ist so ein Threewheeler allerdings nicht. Schon der Verbrenner kostet knapp 50.000,- €. Dafür ist das Auto aber auch ein echter Hingucker.

Morgan Threewheeler EV3 auf dem Genfer Autosalon (Foto: Alexander Migl - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link)Foto: Alexander Migl, Morgan Threewheeler EV3 Genf 2018, CC BY-SA 4.0

Morgan Threewheeler EV3 auf dem Genfer Autosalon.

Moderne „Nachschöpfungen“ gibt es auch von anderen Oldtimern. An den 60er-Jahre-Strandwagen Mini Moke erinnert beispielsweise der vom französischen Entwickler Noun’Electric angebotene „Nosmoke“ oder „eMK6“, der es zwar lediglich auf 85 Stundenkilometer bringt, dafür aber auch „nur“ mit einem Preis von 22.500,- € zu Buche schlägt. Ebenfalls dem Kleinstwagensegment entspringt der „Microlino“ der Schweizer Micro Mobility AG, eine Retro-Interpretation der legendären BMW Isetta, die in die Nische der kleinen City-Flitzer eindringen soll. Der Zweisitzer ist wie das Original mit einer aufklappbaren Front ausgestattet und erreicht maximal 90 Stundenkilometer. Mit 12.000,- € kommt tatsächlich ein erschwinglicher Wagen auf den Markt, der auch bei der Parkplatzsuche im Innenstadtdschungel einige Vorteile hat.

Dass es nicht nur preiswert zugeht, zeigt der in Österreich als E-Auto gebaute Kreisel Evex Porsche 910e. Das in Kleinserie produzierte Elektroabbild eines von 1966 bis 1968 als reines Rennsportfahrzeug konzipierten Autos leistet in der E-Version brachiale 360 Kilowatt und kommt in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer. In der Spitze sind es dann 300, die sich der Hersteller Evex Fahrzeugbau dann aber auch mit ungefähr einer Million Euro vergüten lässt.

 

Vor- und Nachteile von elektrifizierten Veteranen:

+

-

Emissionsfreier Antrieb.

Verlust des H-Kennzeichens (wird allerdings durch steuerliche Begünstigung als E-Auto wieder aufgewogen).

Entfall von emissionsabhängigen Fahrverboten in Umweltzonen.

Preislich ebenso wie neue Elektro-Autos weitaus teurer als herkömmliche Verbrenner.

Steuerliche Begünstigung von E-Autos greift auch für Umbauten.

Fehlender Motorensound und Geruch.

Umbau bei einigen Herstellern problemlos reversibel (z. B. Jaguar und Aston Martin.

Deutlich verbesserte Fahrleistungen im Vergleich zur Original-Motorisierung.

 

Elektro-Veteranen: Ein Fazit

Elektroautos sind im Kommen, auch als Oldtimer oder Replika. Generell überwiegen auf lange Sicht die Vorteile elektrisch angetriebener Fahrzeuge.  Da es sich bei Old- und Youngtimern jedoch um hauptsächlich emotional geprägte Besitztümer handelt, ist die Frage berechtigt, ob automobiles Kulturgut tatsächlich auf Elektro umgerüstet werden muss. Derzeit, zumindest aus Kostengründen, ist es noch ein langer Weg, bis sich der durchschnittliche Oldtimer-Besitzer eine Umrüstung überhaupt leisten kann. Außerdem fragen wir uns, was von einem Old- oder Youngtimer noch bleibt, wenn sein Herz, das Ergebnis jahrelanger Ingenieurskunst, einfach durch einen modernen, durch Fließbandarbeit gefertigten Motor ersetzt wird. Für die Zukunft locken jedoch Steuervorteile, eine geringere Belastung der Umwelt und Fahrerlaubnis auch innerhalb von Städten.

Im Bezug auf E-Oldtimer sind wir uns unschlüssig. Und du? Wir freuen uns auf deine Meinung in unserem Facebook-Feed!