Eine Teststrecke in Bremen läutet den Untergang eines Unternehmens ein: Die Arabella, die die hervorragenden Verkaufszahlen der Isabella übertreffen soll, schlängelt sich zwischen Pylonen hindurch und bremst auf nasser Straße. Dass schon nach dem Durchfahren der Sprinklerstrecke der Innenraum des Testfahrzeugs unter Wasser steht, wird im Protokoll nicht vermerkt. Und Borgward, der aus einiger Entfernung zusieht, ist zu sehr mit der Verbesserung optischer Details beschäftigt, um darauf aufmerksam zu werden. So beginnt das Dokudrama des Regisseurs Marcus O. Rosenmüller, das innerhalb von 87 Minuten abzubilden versucht, wie eines der größten Unternehmen der Wirtschaftswunderzeit scheitern konnte.

Borgward IsabellaFoto: Lothar Spurzem, Borgward Isabella TS, Bj. 1959 (2007-09-08 ret), CC BY-SA 2.0 DE

Borgward Isabella, Kennzeichen unkenntlich gemacht.

Thomas Thieme spielt einen hervorragenden Carl Borgward, neben dem die in den Film montierten Originalaufnahmen Borgwards wie eine Fälschung aussehen. Den Bürgermeister erwartet er nicht etwa in seinem Büro, sondern in einem Schuppen nahe der Montagehalle, wo er aus Knetmasse neue Modelle formt. Auf die Frage des Bürgermeisters, ob er diese Modelle wirklich alle selbst anfertigen würde, antwortet Borgward: „Ich baue Autos. Tag und Nacht. Nichts anderes.“

Dieser Satz ist beschreibend für den Charakter des Firmenchefs, der zwar ein genialer Ingenieur, jedoch kein guter Geschäftsmann ist: Entgegen aller Warnungen seiner Mitarbeiter verfolgt er weiter seinen Kurs und kurbelt die Produktion der Arabella sogar noch weiter an, anstatt sie aufgrund sinkender Exportzahlen zu drosseln. So dauert es nicht lange, bis er finanzielle Unterstützung des Bremer Senats benötigt – 20.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Und der Bürgermeister muss sich entscheiden, ob er gegen das Grundprinzip der freien Wirtschaft verstoßen oder massive Arbeitslosigkeit verursachen will.

Borgward ArabellaFoto: Lothar Spurzem, Arabella de Luxe 01, CC BY-SA 2.0 DE

Borgward Arabella De Luxe, Kennzeichen unkenntlich gemacht.

Der Untergang des Borgward-Unternehmens wird aus verschiedenen Facetten beleuchtet und symbolisch mit dem Absturz eines Hubschraubers gleichgesetzt, bei dem sieben Komponenten zusammentreffen müssen, damit das Fluggerät versagt. So sind beispielsweise nicht allein das Wasser in der Arabella oder die Exporteinbrüche für den Untergang des Unternehmens verantwortlich, sondern in Kombination auch Borgwards Führung, die Entscheidung des Senats und die Übernahme des Betriebs durch BMW-Aufsichtsratsvorsitzenden Johannes Semler, der Borgward bewusst scheitern lassen wollte, um einen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Regisseur Rosenmüller gelingt es, die Komplexität der Affäre Borgward offenzulegen. Dabei spannt er den Bogen von der Firmenführung bis hin zu privaten Autohändlern, die durch den schlechten Start der Arabella um ihre Familien bangen müssen. So entsteht ein vielseitiges Dokudrama, das auch die Perspektive von Borgwards Tochter nicht auslässt, die einen bewegenden Ausschnitt aus ihrem Tagebuch vorliest:

 

„Zutiefst getroffen hat meinen Vater das Verbot des Bremer Senats, seine eigenen Werke zu betreten. Bis zuletzt hatte er das Gefühl, seine Arbeiter im Stich gelassen zu haben. Als er an der Spitze des Unternehmens stand, war er ein gesunder Mann. Er ist am Konkurs zerbrochen.“


Der Film fängt nicht nur die Zeit des Wirtschaftswunders authentisch ein, sondern behandelt am Beispiel Borgward ein Thema, das heute nicht aktueller sein könnte. Unser Team hat den Film sehr genossen und kann ihn nur weiterempfehlen. Wenn du neugierig geworden bist, kannst du den Film kostenlos bis zum 21.02.2019 in der ARD-Mediathek ansehen.