Vom Einstiegsmodell zur Stilikone

Im Jahr 1940 trat die Modellreihe Series 62 die Nachfolge der bis 1939 angebotenen Series 61 als preisgünstigstes Auto in der Modellpalette des amerikanischen Autobauers Cadillac an. Sicher ahnte noch niemand, dass der Wagen nicht nur über zwei Jahrzehnte im Programm bleiben, sondern auch polarisieren und zur Stilikone werden sollte. Das Design wurde im Laufe der Jahre dem jeweiligen Zeitgeist angepasst, die technischen Grundzüge blieben aber immer erhalten: Ein zwei Meter breiter und über 5,5 Meter langer Straßenkreuzer mit V8-Motor, Hinterradantrieb und über zwei Tonnen Leergewicht – kurzum, ein typischer amerikanischer Straßenkreuzer.

 

Am Anfang ein Basismodell

1940 hatte Cadillac die Modellreihen Series Sixty Special (60S), eine Limousine als Sondermodell auf Basis des bis 1938 angebotenen Series 60, Series 75, die es auch als Cabriolet und Coupé gab, und Series 90 als Spitzenmodell mit 16-Zylindermotor und 7,1 Litern Hubraum im Angebot. Letztere wurde allerdings noch im gleichen Sommer ersatzlos aus dem Programm gestrichen. Mit der Modellreihe Series 62 löste Cadillac das bisherige Einstiegsmodell Series 61 vorübergehend ab, das allerdings bereits ein Jahr später zurückkahm. Die Series 62 stieg dadurch von Basismodell ins mittlere Segment der Cadillac-Produktpalette auf. Beide Baureihen waren sehr ähnlich und wurde vom gleichen, 135 PS starken V8-Motor mit 5,7 Litern Hubraum angetrieben.

Ein Cadillac Series 62 aus den Jahrgängen 1940 bis 1942.Foto: Von Arpingstone, Cadillac.series62.750pix, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die Jahrgänge 1940 bis 1942 der Series 62 erinnern noch deutlich an die Vorkriegsmodelle von Cadillac.

Die ersten Baujahre der Series 62 sind von rundlichen, von General Motors-Designer Harley J. Earl entworfenen Karosserieformen mit vielen Chromelementen geprägt. Zunächst gab es die Convertible-Version als Zwei- und Viertürer. 1941 erhöhte man die Leistung des V8 auf 150 PS. Dafür entfiel das viertürige Cabrio. Nach kriegsbedingter Produktionspause seit Februar 1942 – Cadillac produzierte in dieser Zeit nur noch militärische Fahrzeuge – wurde im Mai 1946 die Produktion wieder aufgenommen. Den Series 62 Convertible gab es zunächst in unveränderter Vorkriegsform, die rundlichen Konturen und die Chromakzente wurden beibehalten. Erst in den Folgejahren wurde die Karosserie schnittiger, als ab Modelljahr 1948 alle Cadillac ein neues Karosseriedesign erhielten. Dadurch kam auch das Cabrio der Series 62 kam in den Genuss von Heckflossenansätzen. Die Modellpflege der kommenden Jahre zielte vor allem auf eine stetige Leistungssteigerung auf bis zu 250 PS beim Baujahr 1955 ab.

Ein Cadillac 62 aus dem Jahr 1952.Foto: Von Herranderssvensson, 1952 Cadillac 62 conv, CC BY-SA 3.0

Die ersten Nachkriegsmodelle zeigen mit ihren Heckflossenansätzen bereits, wohin die Reise geht.

 

Das erste Sondermodell für die Reichen und Schönen

Doch bereits 1953 kam mit dem Cadillac Eldorado auch eine Luxusversion des Series 62 Convertible auf den Markt. Mit einer tiefergelegten Karosserie bekam das Cabrio eine niedrigere Silhouette. Hinzu kamen eine Metallabdeckung passend zur Wagenfarbe für das Verdeck und eine Panoramascheibe. Das Auto war mit 7.750 US-Dollar satte 3.500 US-Dollar teurer als die Standardversion. Dafür ist ein 1953er-Eldorado ein absolutes Traumauto. Sogar US-Präsident Dwight D. Eisenhower saß während der Parade anlässlich seiner Amtseinführung in einem weißen Cadillac Eldorado. Da aufgrund des hohen Preises nur 532 Eldorado verkauft wurden, hatte man bereits im kommenden Modelljahr vieles vereinfacht, so beispielsweise die Karosserie der regulären Series 62 Convertibles übernommen, um den Wagen günstiger anbieten zu können. Bis zum Modelljahr 1959 gab es das Eldorado-Cabriolet als Teil der Series 62, danach wurde der Eldorado zur eigenständigen Baureihe.

Cadillac El Dorado 1953Foto: Von Joe Mabel, 1953 custom Cadillac El Dorado 01, CC BY-SA 3.0

Der erste Cadillac Eldorado setzte sich mit vielen Ausstattungsextras von der regulären Series 62 ab.

 

„Flossenmonster oder Stilikone?“

Nachdem 1956-1957 der Hubraum des V8-Motors auf 6 Liter und die Leistung auf bis zu 310 PS erhöht worden war, erhielt das Auto im Modelljahr 1959 einen neuen V8-Motor mit 6,4 Litern Hubraum und 325 PS. Dazu gab es eine ganze Reihe weiterer technischer Innovationen: Servounterstützung für Bremsen und Lenkung, ein automatisches Getriebe, elektrische Fensterheber und ein elektrisch zu öffnendes Dach sowie elektrisch verstellbare Sitze sorgten für Komfort. Diesen Komfort ließ sich Cadillac allerdings auch mit 5.500 US-Dollar bezahlen. Zum Vergleich: In Deutschland kostete die Basisversion der Series 62 32.700 DM und war damit teurer als ein Mercedes-Benz 300. Auch optisch wurde einiges in die Modellpflege investiert. General Motors-Designer William „Bill“ L. Mitchell, der Schöpfer der Chevrolet Corvette Sting Ray, versah das Auto mit nahezu aberwitzig großen Heckflossen, aus denen zwei nebeneinander liegende Leuchten wie Geschossspitzen herausragen. Dieses im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Spitze“ getriebene Design verleitete die Fachpresse hierzulande zu bissigen Vergleichen mit der Optik von Raketen. „Auto Motor und Sport“ bezeichnete sie als „geradezu furchterregend“. Die „Automobil Revue“ fand zwar die Karosserie im Ganzen zukunftsweisend, war aber von der Heckflossenform ebenfalls nicht überzeugt. Gerne wurden solche Autos auch als „Flossenmonster“ beschimpft. Doch gerade dieses Extremdesign ist bis heute ein Markenzeichen für Oldtimer von Cadillac und macht das Modelljahr 1959 sehr begehrt.

Cadillac Series 62 ConvertibleFoto: Von Alex, 1959 Cadillac Series 62 Convertible, CC BY-SA 4.0

Mehr Heckflosse geht nicht – das 1959er Convertible-Modell.

Im Jahr 1964 endet schließlich die Ära der Series 62. Das Convertible-Modell wurde bereits ein Jahr vorher vom Markt genommen.

 

Später Filmruhm

Der 1959er-Cadillac Series 62 Convertible wurde dreißig Jahre nach seiner Einführung noch zum Leinwandstar. Seit Ende der 1970er-Jahre hatten verschiedene Modelle der Series 62 Filmerfahrung gesammelt: So etwa in „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, 1978) „Fandango“ (1985) „Wise Guys“ (1986) und „Heartbreak Hotel“ (1988). Seine erste Hauptrolle hat der Wagen 1989 in Buddy Van Horns Komödie „Pink Cadillac“ an der Seite von Clint Eastwood und Bernadette Peters. Da der Streifen seinerzeit an den Kinokassen floppte und nicht einmal die Produktionskosten von 19 Millionen US-Doller wieder einspielte, ist er hierzulande wohl nur eingefleischten Clint Eastwood-Fans ein Begriff. Das kuriose an der Filmkarriere des 1959er-Modells: Eigentlich verlangte das Drehbuch einen rosa Cadillac Convertible des Modelljahrs 1957, aber die 1959er-Version gefiel den Filmemachern aufgrund des extravaganten Äußeren mit den riesigen Heckflossen in Verbindung mit der rosa Lackierung anscheinend besser. Drei Autos standen für die Filmproduktion zur Verfügung. Eines davon wird gegen Ende des Films leider arg ramponiert. Einer der drei Filmstars ist heute noch erhalten und wurde 1994 restauriert und 2013 mit einem neuen Verdeck versehen.

Filmtrailer zu „Pink Cadillac”

 

Ein Ami-Schlitten mit hoher Wertsteigerung

Wie aber fährt sich unser Sommerklassiker? Er ist ein typischer Ami-Schlitten mit weicher Federung und einer Servolenkung, die das schwere Fahrzeug zwar leicht lenkbar macht, aber jegliches Feingefühl vermissen lässt. Mit dem üppig motorisierten Straßenkreuzer gleitet man also besser über amerikanische Freeways als durch enge Serpentinen und verwinkelte Innenstadtgassen. Für Liebhaber amerikanischer Oldtimer sind die Fahreigenschaften sicher nur zweitrangig. Denn in erster Linie zieht man mit einem Cadillac Convertible aus der Baureihe 62 die Blicke der Passanten auf sich. Vor allem das aus „Pink Cadillac“ bekannte 1959er-Modell ist der Inbegriff eines amerikanischen Cabriolets.

Die Convertible-Version wurde zwar insgesamt über 155.000 mal gebaut – ab dem legendären Modelljahr 1959 sogar jährlich in fünfstelliger Stückzahl – dennoch ist unser Sommerklassiker kein Schnäppchen. Für die älteren Modelle der 1940er- und frühen 1950er-Jahre werden heute Preise ab etwa 60.000 Euro aufwärts aufgerufen. Da nimmt sich der Preis von 62.100 Euro, den der restaurierte Filmwagen im Februar 2014 auf der Rétromobile-Auktion in Paris erzielte, noch sehr moderat aus. Für das Eldorado-Luxusmodell aus dem Jahr 1959 zahlt man heute schon fast das Doppelte. Mit einer Länge von 5,7 m passt er ohnehin nicht in eine normale Garage …