Das erste Mittelmotor-Coupé aus deutscher Produktion

Als der VW-Porsche 914 am 11. September 1969 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wurde, war er der erste in Deutschland gebaute Zweisitzer-Sportwagen mit Mittelmotor. Er verdankt sein Dasein einem außergewöhnlichen Deal zwischen Ferdinand „Ferry“ Porsche und dem damaligen VW-Chef Heinrich Nordhoff. Beide hatten sich per Handschlag auf ein besonderes Geschäftsmodell geeinigt, das vorsah, einen neuen Sportwagen zu entwerfen und diesen sowohl als VW als auch als Porsche zu vertreiben. VW suchte einen Nachfolger für den bereits in die Jahre gekommenen Kahrmann Ghia, Porsche wollte in das wachstumsfähige Sportwagensegment unterhalb des 911ers vordringen. Porsche hatte das nötige Know-how im Sportwagenbau, VW sollte durch hohe Stückzahlen für niedrige Fertigungskosten sorgen und auf diese Weise Porsche für die Entwicklungsarbeit entlohnen. Heute würde man von einer Win-Win-Situation sprechen.

Fast wäre der Deal geplatzt. Das Gemeinschaftsprojekt drohte zu scheitern, als Nordhoff am 12. April 1968 kurz nach der Vorstellung des ersten Prototyps am 1. März unerwartet verstarb. Sein Nachfolger Kurt Lotz soll die mündliche Vereinbarung mit Porsche nicht akzeptiert haben. Er beanspruchte für VW die alleinigen Vertriebsrechte. Anfang 1969 erzielte man schließlich einen Kompromiss und gründete die VW-Porsche Vertriebsgesellschaft, die den Wagen auf dem europäischen Markt als VW-Porsche vermarktete.

Porsche 914 in der Heckansicht. Foto: Von Thomas Vogt from Paderborn, Deutschland, Porsche 914 (47812002851), CC0 1.0

Ein Oldtimer in perfektem Zustand: Der VW-Porsche 914 auf der TechnoClassica 2019 in Essen.

 

Ein Auto – zwei Hersteller

Der Wagen ging noch im Herbst 1969 in Serie. Bis zum Produktionsende im Frühjahr 1976 rollten insgesamt 118.978 Einheiten vom Band. Mit über 115.000 Fahrzeugen kam der überwiegende Teil von Kahrmann in Osnabrück. Der dort produzierte, mit einem luftgekühlten 1,7-Liter-Vierzylinder-Boxermotor angetriebene Wagen trägt die Modellbezeichnung 914/4. Der 80 PS starke Motor stammt aus dem VW 411 E. Die restlichen Einheiten steuerte das Porsche-Werk in Stuttgart als 914/6 bei. In der von Kahrmann gelieferten Rohkarosse wurde der Sechszylinder-Boxermotor mit zwei Litern Hubraum und 110 PS aus dem Porsche 911 T verbaut. Die unterschiedlichen Produktionsstätten der Modelle sind auch bei Kraftfahrtbundesamt in den Herstellerschlüsselnummern hinterlegt. Die Vierzylinder laufen als Volkswagen, die Sechszylinder als Porsche.

 

Sein oder Nichtsein – das Image des VW-Porsche

Der Name VW-Porsche, der günstige Einstiegspreis von etwa 12.000 DM sowie Verarbeitungsmängel und Rostanfälligkeit der ersten Exemplare trugen nicht gerade zum Image des 914ers bei, sondern brachten ihm den Spottnamen „Volks-Porsche“ oder gar „VoPo“ ein. Dabei hatten VW und Porsche eigentlich einen richtig guten Sportwagen entwickelt, der mit seinem starren Targa-Bügel und der geradlinigen Silhouette ein typisches Kind der 1970er-Jahre ist. Mit einem Gewicht von nur 940 kg kam selbst der „kleine“ 914/4 zu sehr guten Fahrleistungen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 177 Stundenkilometern. Der Sechszylinder-Motor des 914/6 knackte sogar knapp die magische 200 Stundenkilometer-Marke. Zudem war der Wagen mit eingeklappten Frontscheinwerfern – also tagsüber - sogar aerodynamischer als ein Porsche 911. Das Mittelmotor-Konzept bescherte dem 914er zusätzlich eine gewisse Alltagstauglichkeit. Schließlich gab es vorne und hinten je einen Kofferraum. Selbst wenn das Targa-Dach im hinteren Gepäckabteil verstaut ist, hat man vorne immer noch Stauraum zur Verfügung.

Der vordere Kofferraum eines Porsche 914.Foto: Von dave_7 from Lethbridge, Canada, 1975 Porsche 914-6 (5983484848), CC BY 2.0

Genug Platz für das Gepäck von zwei Personen … der vordere Kofferraum.

 

Modellpflege

Für den 914/6 kam bereits Mitte 1972 das Aus. Da der Sechszylinder mit knapp 20.000 DM preislich bereits sehr nah am etwa 23.200 DM teuren Porsche 911 T lag, blieben seine Verkaufszahlen gering. Zwar gab es für den Porsche unter den VW-Porsches einiges an Sonderausstattung, um ihm vom 914/4 abzuheben, wie beispielsweise Kotflügelverbreiterungen oder das halbautomatische Vierganggetriebe „Sportomatic“ aus dem Porsche 911, aber diese Extras wurden nur selten geordert. Anstelle einer weiteren Auflage des 914/6 kam mit einem Zweiliter-Vierzylindermotor mit Saugrohreinspritzung und 100 PS der 914 2.0 auf den Markt; Ab August 1973 stattete VW den 914/4 anstelle des ursprünglichen 1,7-Liter-Aggregats mit dem 1,8-Liter-Doppelvergaser-Boxermotor aus dem VW 412 S aus, der 5 PS mehr in die Waagschale werfen konnte.

 

Sondermodelle und Einzelstücke

Für den Rennsport wurde ein „Sport-Kit“ entwickelt. Die modifizierten Wagen liefen unter der Bezeichnung 914/6 R. Später setzte sich der Name 914/6 GT durch, da der Wagen in der GT-Klasse der FIA an den Start ging. Neben 32 Fahrzeugen, die im Porsche-Werk selbst hergestellt wurden, gab es noch etwa 400 offizielle GT-Kits. Die Rennversion verfügte unter anderem über verbreiterte Kotflügel, eine verstärkte Karosserie und einen zusätzlichen Ölkühler. Angetrieben wurde sie von einem 2,0-Liter-Motor mit Doppelzündung. Damit war man durchaus erfolgreich. Das französische Team Sonauto gewann mit einem 914/6 GT 1970 die GT-Klasse in Le Mans. Im gleichen Jahr erzielten die Werksautos beim Marathon de la Route auf dem Nürburgring sogar einen Dreifachsieg. Hinzu kamen viele Siege von Privatfahrern mit Kundenfahrzeugen. In dgivenen USA schaffte vor allem die Sechszylinder-Version mehrere Klassensiege in verschiedenen Rennserien. Weniger erfolgreich war der Wagen im Rallyesport, aber 1971 sprang zumindest ein dritter Platz bei der Rallye Monte Carlo heraus. Ein Jahr später wurde ein 914/6 GT der Obersten Nationalen Sportkommission für den Automobilsport in Deutschland (ONS) als erstes Safety-Car der Welt zur Verfügung gestellt.

914/6 GT in gelb, Frontansicht. Foto: Von dave_7 from Lethbridge, Canada, 1972 Porsche 914-6 GT (2721669966), CC BY-SA 2.0

Den 914/6 GT erkennt man vor allem an seinen verbreiterten Kotflügeln.

Nur zweimal gab es den 914er als Porsche 914/8 mit einem Dreiliter-Achtzylinder-Boxer aus dem Rennwagen Porsche 908/3. Das erste Exemplar war ein knallrot lackiertes Versuchsfahrzeug, das seinerzeit von Ferdinand Piëch genutzt wurde, über eine Einspritzung verfügte und 300 PS leistete. Der zweite 914/8 wurde als Vergaser-Version für Ferry Porsche zum 60. Geburtstag gebaut. Er verfügte über eine Straßenzulassung und leistete immerhin 260 PS. Zu den beiden Achtzylinder-Einzelstücken gesellten sich 1971 noch elf Wagen, die mit 190 beziehungsweise 210 PS starken 2,4- und 2,7-Liter-Sechszylinder-Boxermotoren ausgestattet waren, die bereits im Porsche 911 S und im Porsche Carrera RS zum Einsatz gekommen waren. Sie liefen unter der Modellbezeichnung Porsche 916. Allein fünf Wagen hatten sich angeblich die Familien Piëch und Porsche vorab reserviert. Äußerlich erkennt man die 916er vor allem an den Kotflügelverbreiterungen der Rennsportversion 914/6 GT und an einem festen Stahldach.

Generell eignet sich der 914er sehr gut zum Umbau, sodass es noch viele „private“ Einzelstücke gibt. Das bei der Produktion angewendete Baukastensystem erlaubt beispielsweise den unkomplizierten Tausch des Motors gegen alle anderen Typ 4-Motoren von VW und alle luftgekühlten Boxer von Porsche bis 3,2 Liter Hubraum. Beliebt war hierzulande vor allem der Lenner-Karosseriebausatz, der dem Auto Karosserieverbreiterungen, flache Kotflügel und einen großen Spoiler in Form eines Heckflügels bescherte.

 

Erfolg im Ausland

Ein großer Teil der VW-Porsche wurde in die USA exportiert. Im dortigen Audi-Porsche-Vertriebsnetz wurden sie als „echte“ Porsche vermarktet, denen nicht der „Makel VW“ anhaftete. Allerdings konnte man auch dort sowohl den 914/4 als auch den 914/6 kaufen. Schon 1970 war der Wagen dort „Importauto des Jahres“. Die im letzten Modelljahr 1976 produzierten 4075 Einheiten wurden allesamt auf den US-Markt exportiert.

 

Happy Birthday, Volks-Porsche!

Zum 50. Geburtstag ehrt das Porsche-Werksmuseum den 914er noch bis zum 7. Juli mit der Sonderausstellung „50 Jahre 914 – Typisch Porsche“. Dort sieht man das Auto also keineswegs als schwarzes Schaf der Porsche-Familie. Wer die Ausstellung verpasst hat, wird bestimmt auf Fantreffen oder bei Klassikerrennen fündig, denn der Porsche 914 wird immer beliebter. Oder man kauft sich einfach einen. Als Oldtimer bekommt man einen 914/4 in gutem Zustand schon für etwa 24.000,- Euro, für einen 914/6 muss man allerdings deutlich über 70.000,- Euro auf den Tisch legen. Zuletzt sind die Preise deutlich gestiegen. Anscheinend schüttelt er sein Image als „Volks-Porsche“ beziehungsweise den Ruf, kein echter Porsche zu sein, langsam ab und wird als das gesehen, was er ist: ein Mittelmotor-Sportwagen mit sehr guter Straßenlage, ausgezeichneter Aerodynamik und sportlichem Fahrverhalten, der den Namen Porsche zu Recht trägt.