Bis an den Strand und darüber hinaus

Jeder kennt wohl die Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren sehr beliebten Strandautos. Mit diesen Leichtgewichten kommt man prima bis nah ans Wasser. Den Anfang machten in den 1950er-Jahren der Fiat 600 Eden Roc und der Fiat 500 Jolly. Während der Jolly mit seinem Fransendach an einen Strandkorb erinnert, sieht der Eden Roc eher wie ein Motorboot aus. Schwimmen kann er trotzdem nicht. Erst der deutsche Ingenieur Hans Trippel trieb 1957 mit seinem Prototyp Alligator ein Auto bis ins Wasser. Zuvor hatte er bereits das SG (Schwimmgerät) 6 konstruiert, das neben dem VW-Schwimmwagen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. 1960 stellte er mit dem Vorserienmodell des Amphicars 770 auf der New York Motor Show das erste zivile Schwimmauto vor, das als Serienfahrzeug gebaut werden sollte. BMW-Großaktionär Harald Quandt fand Gefallen an dem Vehikel und ermöglichte Trippel ab 1961 die Großserienproduktion. Gebaut wurde es in der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik in Berlin und war in Deutschland ab 1962 zum Preis von 10.500,- DM zu haben.

Amphicar 770 FrontFoto von Jan Derk Remmers, Amphicar 770 (JDR photo), CC BY-SA 4.0

Auf der Straße sieht es erstmal wie ein typisches 60er-Jahre-Cabrio aus.

 

Wie kann so ein Auto schwimmen?

Eigentlich ist das Amphicar ein ganz normales Auto, nur das es zwei Schrauben am Heck hat. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Das 4,33 m lange und 1,565 m breite Auto wiegt immerhin 1050 kg – und die wollen über Wasser gehalten werden. Die selbsttragende Stahlkarosserie hat ein als geschlossene Wanne konstruiertes Unterteil. Da an den Achswellen Wasser eindringen kann, ist der Motorraum mit einer Lenzpumpe ausgestattet, um ein Absaufen des Antriebs zu verhindern. Die vorne bootsartig hochgezogene Karosserie ermöglicht das Einfahren in ein Gewässer über eine Rampe oder Böschung. Die nach außen geschwungenen Heckflossen sind nicht nur ein zeittypisches Designelement, sie haben auch eine praktische Funktion. Sie schützen den Motor vor seitlich hereinschwappenden Wellen. Für die Türen gibt es einen zweiten Griff, mit dem sie stärker an die Dichtungen gepresst werden. Die Karosserie ist wie bei einem Motorboot oben offen, im Straßenbetrieb fährt man also ein Cabriolet. Standesgemäß und notwendig für ein Wasserfahrzeug sind die roten und grünen Positionslichter an den Seiten, und ein weißes Positionslicht, das mit einem kleinen Mast auf dem Heckdeckel über dem Motor montiert werden kann.

Amphicar in WaterFoto von Valder137, Amphicar 770 1967 NoNum Leads 770 1965 0479 Afternoon swim 05 Lake Mirror Cassic 16Oct2010 (14877009142), CC BY 2.0

Zwei der auffälligen Schwimmautos zur gleichen Zeit sieht man selten.

 Angetrieben wird das Schwimmauto vom Vierzylinder-Reihenmotor aus dem Triumph Herald 1200. Aus 1,2 Litern Hubraum stehen magere 38 PS zur Verfügung, die über eine Einscheibentrockenkupplung auf das vor dem Motor liegende Getriebe übertragen werden. Da die Kraftübertragung zu Lande auf die Räder und zu Wasser auf die Kunststoffschrauben funktionieren muss, ist ein vollsynchronisiertes Viergang-Spezialgetriebe mit zusätzlichem Wendegetriebe mit nur einem Vorwärts-, einem Rückwärtsgang und einer Leerlaufstellung verbaut. Im Schwimmbetrieb wird das Vierganggetriebe in den Leerlauf geschaltet und mit einem zweiten Schalthebel das Wendegetriebe für die Bootspropeller zugeschaltet. Damit kommt das Gefährt als Auto auf etwa 120 Stundenkilometer, als Boot auf 6,5 Knoten beziehungsweise 12 Stundenkilometer. Das Ganze schlägt dann mit 9 Litern pro 100 Kilometer auf der Straße und 2,3-10 Litern pro Stunde auf dem Wasser zu Buche. Sowohl auf der Straße als auch im Wasser lenkt man über die Vorderräder. Im Wasser ist es damit allerdings deutlich schwerer lenkbar als ein Boot.

Amphicar Propellers

Zwei Kunststoffschrauben sorgen für den Vortrieb im Wasser.

 


Fahrbericht und Hintergrundinfos zum legendären Schwimmauto.

 

Wer fährt so ein Schwimmauto?

In erster Linie braucht man etwas Mut, um das Auto ins Wasser zu bringen, aber auch einen Sportbootführerschein. Wenn man bergab direkt aufs Wasser zufährt, taucht die Nase zuerst ein, sodass das Wasser direkt auf die Insassen zukommt. Das mulmige Gefühl legt sich aber spätestens sobald das Heck ins Wasser kommt und sich die Hinterräder vom Boden lösen. Die Konstruktion ist hecklastig und daher pendelt sich das Boot schnell aus und liegt ruhig im Wasser, die Wasserlinie ist in Höhe der Chromleisten und somit weit genug entfernt, um den Passagieren ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Bei einer Testfahrt auf der Ostsee hat das Auto sogar Windstärke 8 überstanden und seine Seetauglichkeit damit eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Amphicar WaterFoto von Magnussen, Friedrich (1914-1987), Amphiecar mit dem Kennzeichen HH-KK 944 (Kiel 33.144), CC BY-SA 3.0 DE

Beim Einfahren ins Wasser kann dem Schwimmauto-Neuling schon mal etwas mulmig werden.

Wer ein solches Schwimmauto hat, braucht Geduld. Nach der Wasserfahrt sind umfangreiche Wartungsarbeiten fällig: Unzählige Schmiernippel gilt es mit frischem Fett zu versorgen. Das Wartungsintervall liegt bei etwa fünf Stunden Wasserfahrt. Dafür muss das Auto aufgebockt und die Rückbank ausgebaut werden. Davor müssen die Trommelbremsen trocken gefahren werden. Für ein Alltagsfahrzeug ist das natürlich sehr aufwendig. Wer heute so etwas fährt, ist vermutlich Mitglied im Amphicar-Club Berlin. Dort finden sich seit 1968 Liebhaber dieser Spezies zusammen, die allesamt Bastler sind und ihre Oldtimer mit hohem Aufwand am Leben erhalten und nach jeder Wasserfahrt pflegen.

Neben dem erhebenden Gefühl als Bootskapitän bieten Amphibienfahrzeuge immer wieder Gelegenheit, unbedarfte Beobachter zu schockieren, wenn das Gefährt ohne Vorwarnung ins Wasser fährt. Für die Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ ließ der Süddeutsche Rundfunk Reinhard Mey wegen des guten Wetters mit einem vermeintlichen Cabrio zu einem Auftritt abholen, um dann in einen Fluss zu fahren. Der Jux schlug fehl, denn der Entertainer kannte das Schwimmauto bereits.

Amphicar Back HeidelbergFoto von Radosław Drożdżewski (User:Zwiadowca21), Heidelberg - Amphicar - HD-D440 - 2017-05-21 18-23-39, CC BY-SA 4.0

Stilecht mit Rettungsring auf dem Heckdeckel.

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Rekordfahrten 

Wer ein außergewöhnliches Auto fährt, hat mitunter auch außergewöhnliche Pläne. 1962 fuhren zwei Franzosen in fünf Stunden und fünfzig Minuten im Amphicar durch den Ärmelkanal. Etwas weniger erfolgreich waren 1965 vier Engländer, die die gleiche Strecke von Dover nach Calais mit zwei Wagen in Angriff nahmen. Nach etwa der Hälfte der Strecke lief ein Motor voll, das noch intakte Fahrzeug musste den Schleppdienst übernehmen. Sie benötigten sieben Stunden und zwanzig Minuten. Erst 42 Jahre später knackte der britische Milliardär Sir Richard Branson den Rekord der Franzosen, als er die Strecke mit einem Gibbs Aquada in nur 90 Minuten bewältigte.

 

Im Amerika unbeliebt

Mit seinem Schwimmauto zeigte Hans Trippel, was Anfang der 1960er-Jahre technisch möglich war. Das sehr spezielle und aufgrund des Wartungsaufwands im Wasserbetrieb nicht alltagstaugliche Fahrzeug kam allerdings bis 1968 nur auf etwa 3.800 Einheiten. Mangels Nachfrage wurde ab 1964 sogar nur noch aus Restbeständen montiert. Geplant hatte man mit 25.000 Stück, die vor allem den amerikanischen Markt erobern sollten. Doch dort war das Schwimmauto unbeliebt: zu klein, zu schwach motorisiert und zu unkomfortabel. Das ständige Abschmieren nach der Wasserfahrt kam bei den amerikanischen Kunden ebenfalls nicht gut an. Oft ließen sie ihre Fahrzeuge über den Sommer im Wasser, festgerostete Gelenke und Muschelwuchs waren die Folge.

In Deutschland sind heute noch etwa 80 Exemplare erhalten. Damit sind sie als Oldtimer echte Raritäten, die entsprechend hoch gehandelt werden. Wenn eines tatsächlich mal verkauft wird, ist man für gute Fahrzeuge mit etwa 30.000-40.000,- € dabei. Perfekt restauriert darf es auch gerne etwas mehr sein. Die Ersatzteilversorgung ist erstaunlich gut, fast alle Teile sind noch im Original oder als Nachbauten zu bekommen. Lediglich das Wechselgetriebe für die Wasserfahrt ist wirklich teuer, wenn es ersetzt werden muss.

Amphicar gearboxFoto von Neodarkshadow, Amphicar gearbox, CC BY-SA 3.0

Das Getriebe ist das wohl teuerste Ersatzteil.

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Selbst Schwimmauto fahren 

Wer gerne selbst die Kapitänsmütze aufsetzen möchte, kann eine Fahrt in diesem Klassiker auf dem Rhein in Köln buchen. Ab ca. 150,- € bekommt man zweieinhalb bis drei Stunden zu Lande und zu Wasser. Buchbar ist der Spaß über www.jochen-schweizer.de oder www.kultauto.de.