10.02.2021

Carl Benz – Der Erfinder des Automobils?

Das erste Kraftfahrzeug feiert seinen 135. Geburtstag und mit ihm die Geburtsstunde des modernen Automobils. Es ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, hat die Welt kleiner gemacht und uns die Möglichkeit geschaffen, große Strecken in kurzer Zeit zurückzulegen. Doch womit begann dieser Meilenstein der Menschheitsgeschichte, wann ist das Automobil erfunden worden und war es wirklich Carl Benz, dem es gelang? Anlässlich des 135. Geburtstages seiner Idee haben wir uns auf die Spurensuche begeben.

Carl Benz wurde am 25. November 1844 in Mühlburg, heute ein Stadtteil von Karlsruhe, geboren. Im Alter von 15 Jahren begann Carl Benz sein Studium des Maschinenbaus am Polytechnikum Karlsruhe, dem heutigen KIT. Die Faszination an Fahrzeugen wurde bei Benz vor allem durch das Fahrrad geweckt, dessen Grundsteinleger, Karl Drais, zufälligerweise dieselbe Schule in Karlsruhe besucht hatte und seine Erfindertätigkeit ebenfalls in Mannheim begann.

Nach ersten beruflichen Erfahrungen in Karlsruhe und Pforzheim macht sich Carl Benz im Jahr 1872 selbstständig und gründete mit den finanziellen Mitteln seiner Frau Bertha Benz eine Firma, die 1882 zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt und in „Mannheimer Gasmotorenfabrik AG“ umbenannt wurde. Da die Aufsichtsratsmitglieder wenig Begeisterung für seine Visionen empfanden, verließ Benz sein eigenes Unternehmen und gründete 1883 die „Benz & Co., Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim“. 1899 erfolgte die Umwandlung in eine AG und bereits ein Jahr später war sein Unternehmen die größte Automobilfabrik der Welt. Trotz des riesigen Erfolges zog sich Carl Benz 1903 abermals aus seinem eigenen Unternehmen zurück und gründete 1906 in Ladenburg, wohin die Familie ihren Wohnort verlegt hatte, das Unternehmen „Carl Benz Söhne“, wo er bis in die Zwanzigerjahre hinein Automobile in Serie produzierte und entwickelte.

Das Logo der von Carl Benz gegründeten Automobilfabrik.
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Die von Carl Benz gegründete "Benz & Co, Rheinische Gasmotorenfabrik" war um 1900 herum die größte Automobilfabrik der Welt.

Das von ihm gegründete und 1903 verlassene Unternehmen Benz & Co. fusionierte 1926 mit der Firma seines großen Konkurrenten aus Stuttgart, der Daimler-Motoren-Gesellschaft, zur „Daimler-Benz AG“. Im Alter von 84 Jahren verstarb Carl Benz im Jahr 1929 in Ladenburg. Das „Automuseum Dr. Carl Benz“ befindet sich heute in den Räumlichkeiten seiner zuletzt von ihm gegründeten Firma. Soviel nun zur Unternehmensgeschichte von Mercedes-Benz, aber jetzt zum eigentlich Wichtigen: Womit begann die Geschichte des Automobils?

Carl Benz auf seinem Patent-Motorwagen I.
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Unknown author, Patentmotorwagen mit Benz, als gemeinfrei gekennzeichnet

Mit seinem Patent-Motorwagen sollte Carl Benz die Evolution des modernen Automobils entscheidend prägen. Neben ihm stehend seine Frau Bertha, die als Frau die erste Überlandfahrt der Geschichte unternahm.

Der Benz Patent-Motorwagen I

Bereits 1886 erhielt Carl Benz das Patent für seinen Patent-Motorwagen I, ein Fahrzeug mit Gasmotor. Dieser Prototyp war es, der von Benz weiterentwickelt wurde und der zum ersten Automobil mit Verbrennungsmotor werden sollte. Den Gasmotor ersetzte er durch einen  Einzylinder-Viertaktmotor mit einem Hubraum von 0,954 Litern. Der Motorwagen von Benz hatte zwar keinen Tank, aber einen Oberflächen-Vergaser mit einem integrierten Benzinvorrat von 4,5 Litern, wobei es sich nicht um Benzin im modernen Sinne handelte, sondern um Ligroin. Dieses Leichtbenzin war damals in Apotheken erhältlich. Die stetige Weiterentwicklung an seinem Fahrzeug macht Carl Benz auch zum Erfinder der Zündkerze, der Riemenverschiebung als Kupplung und des Wasserkühlers. Anfänglich konnte er seinen Personenwagen nur als dreirädriges Gefährt konzipieren, das es nicht möglich war, zwei Vorderräder gleichzeitig sicher zu lenken. Doch auch dieses Problem löste Benz beim Nachfolger des Typ I und integrierte eine Lösung, die noch heute in jedem Automobil anzutreffen ist: die Achsenschenkellenkung. Diese Anpassung wurde beim Typ II seines Motorwagens, ebenfalls ein Einzelstück, getestet und ermöglichte tatsächlich die stabile Lenkung von zwei Vorderrädern. 

Der nachfolgende, dreirädrige Typ III war dann schließlich der erste Serienwagen der Geschichte und wurde von 1886 bis 1894 gebaut, wenngleich er nur in geringer Stückzahl verkauft wurde. Aber nicht nur die Technik war ausgereifter, auch das Angebot war weiterentwickelt worden und so konnte der Kunde zwischen einer zusätzlichen Sitzbank, also einem Viersitzer, und einem Faltverdeck wählen. Die Räder des Typ III waren aus Holz und hinten mit Stahl, vorne mit Gummi beschlagen.

Info Icon

Der Benz Patent-Motorwagen Typ III – der erste Serienwagen

Motor: Einzylinder-Viertakter, 1660 cm³ Hubraum

Kühlung: Wasser-/Thermosyphon-Verdampfskühlung

Zündung: Elektrische Hochspannungs-Summer-Zündung

Vergaser: Benz Oberflächenvergaser mit 4,5l Tank

Getriebe: Zweistufige Festscheibe, 2 Gänge

Lenkung: Zahnstangenlenkung, keine Fußbremse

Radstand: 1575 mm

Gewicht: 360 kg

Höchstgeschwindigkeit: 16 km/h

Verbrauch: 10l auf 100 km

Der erste Serienwagen der Geschichte
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Unknown author, Motorwagen Serienversion, als gemeinfrei gekennzeichnet

Der Benz Paten-Motorwagen III war der erste Serienwagen der Geschichte. Mit einem vergleichbaren Wagen legte Bertha Benz mit ihren beiden Söhnen ihre legendäre Fahrt zurück.

Bertha Benz’ berühmte Fahrt

Doch trotz seines Fortschrittes wurde Benz‘ epochale Erfindung anfänglich nur als „Kutsche ohne Pferde“ belächelt und auch Carl Benz selbst befielen oft Zweifel, denn der Beweis für den zuverlässigen Betrieb seiner Erfindung war noch nicht erbracht worden. Seine Frau Bertha hingegen war von Anfang an von der Erfindung ihres Mannes überzeugt und unterstützte ihn tatkräftig.

Voller Überzeugung und Vertrauen in die Idee ihres Mannes, entschließt sie sich zu Beginn der Schulferien Anfang August 1888, zusammen mit ihren beiden Söhnen Richard und Eugen zu einer Fahrt in ihre Heimatstadt Pforzheim, um Ihrem Mann zu ermutigen und der Welt die Tauglichkeit seiner Konstruktion zu beweisen. Die Drei schleichen sich morgens leise aus dem Haus, rollen den Wagen aus der Werkstatt und lassen ihn erst in sicherer Entfernung zum Haus an. Auf dem Küchentisch hinterlassen sie eine Nachricht an Carl, dass sie nach Pforzheim aufgebrochen wären. Von dem Vorhaben, mit dem Wagen zu fahren, erwähnen sie in ihrer Nachricht nichts.

Da sie aber den Weg nach Pforzheim nicht kennen, wählen sie eine Route über Ortschaften und Straßen, die ihnen bekannt sind. Zunächst fuhren sie Richtung Weinheim, dann über Wiesloch sowie Bruchsal nach Süden und ab Karlsruhe schließlich in den Nordschwarzwald hinauf. Der Tank des Wagens fasste lediglich 4,5 Liter Ligroin, weshalb die Ausflügler in einer Apotheke in Wiesloch, die sich bis heute als die erste Tankstelle der Welt bezeichnet, ihren Ligroin-Vorrat aufstocken. Nach einigen Tankpausen, Reparaturstops und einer beschwerlichen Reise, die auch Muskelkraft erforderte – da die Steigungen des Nordschwarzwalds mit der geringen Motorisierung kaum bewältigt werden konnten und der Wagen geschoben werden musste – kommen Bertha und ihre Söhne erschöpft bei Sonnenuntergang in Pforzheim an. Den anfänglich unwissenden Carl Benz haben sie per Telegramm zwischendurch immer wieder über den aktuellen Fortschritt auf dem Laufenden gehalten.

Ein Straßenschild, das auf die Bertha Benz Memorial Route verweist.
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Ein Hinweisschild auf die Bertha Benz Memorial-Route an der B10 am Ortseingang von Wilferdingen. Ende 2008 wurde die Ferienstraße vom baden-württembergischen Staatsministerium eröffnet und führt an vielen Sehenswürdigkeiten im Ländle vorbei – auf der selben Strecke, die damals Bertha Benz mit ihren Söhnen entlangfuhr.

Bertha Benz ist eine beeindruckende Frau, die auf der Fahrt kleine Reparaturen selbst durchführte. Sie reinigte eine verstopfte Benzinleitung mit einer Hutnadel, reparierte die durchgescheuerte Isolierung des Zündkabels mit einem Strumpfband und ließ sich bei Karlsruhe die Bremsen mit Leder beschlagen und erfand somit gleich noch die Bremsbeläge. Mit ihrer Fahrt von insgesamt ca. 180 km (Hin- und Rückweg) schrieb sie nicht nur Automobilgeschichte, sondern bewies der Welt, dass die Erfindung ihres Mannes Zukunft hat.

Die erste Überlandfahrt der Geschichte sorgte darüber hinaus für die Weiterentwicklung des Typ III, denn nach der Reise wurde ein weiterer Gang hinzugefügt und die Bremskraft erhöht. Ohne den Pioniergeist und das Vertrauen seiner Frau hätte Carl Benz vermutlich nicht einen solchen Erfolg gehabt. Sie hatte ihn tatkräftig über all die Jahre unterstützt, seine Zweifel aus dem Weg geräumt und ihn ermutigt, seiner Vision nachzugehen.

Die Stadtapotheke in Wiesloch.
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Rudolf Stricker, Eigenes Werk

Die ersten Tankstelle der Welt: Die Stadtapotheke in Wiesloch, in der Bertha Benz ihren Ligroin-Tank auffüllte. Heute erinnert das Denkmal vor dem Gebäude an die geschichtsträchtige Fahrt.

War Carl Benz wirklich der Erfinder des modernen Automobils?

Zeitgleich mit Carl Benz haben auch andere Pioniere und Erfinder an der Entwicklung motorisierter Fahrzeuge gearbeitet. Der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Mechaniker Siegfried Marcus tüftelte im Wien der 1870er Jahre ebenfalls an einem benzinbetriebenen Motorwagen. Marcus‘ Motorwagen II soll bereits 1875 als erstes vollständiges Automobil fertig gewesen sein und eine Fahrt von Wien nach Klosterneuburg bewältigt haben. Die Richtigkeit der Jahreszahl ist bis heute nicht belegt und wird in der Forschung stark diskutiert. Womöglich wurde die Fertigstellung seines Wagens irrtümlich auf die Zeit zwischen 1875 und 1877 anstatt 1888/89 festgelegt. Nach der Machtergreifung versuchten die Nationalsozialisten das Vermächtnis von Siegfried Marcus, der jüdischer Herkunft war, aus den Geschichtsbüchern zu tilgen. Ein Denkmal, das zu seinen Ehren im Wiener Resselpark aufgestellt worden war, ist während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entfernt worden. Marcus‘ Motorwagen II konnte glücklicherweise bewahrt und sein Denkmal nach dem Krieg wieder im Park an seinen Platz zurückgebracht werden. Trotz der Kontroverse um die exakte Datierung des Motorwagensvon Marcus ist er ein Pionier der Automobilgeschichte, dessen Lebenswerk im öffentlichen Gedächtnis leider nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm zusteht.

Der Motorwagen I von Siegfried Marcus, womöglich um 1870 herum.
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anonym, MW1 signiert klein, als gemeinfrei gekennzeichnet

Der Motorwagen I von Siegfried Marcus. Möglicherweise gilt der Ruhm, das erste moderne Automobil konstruiert zu haben, nicht Carl Benz, sondern Siegfried Marcus.

Bereits 100 Jahre vor Marcus, Daimler und Benz hat der französische Artillerieoffizier und Erfinder Nicholas Cugnot im Jahr 1769 das erste selbstfahrende Automobilmit Dampfantrieb entwickelt, das auch gleichzeitig als Vorläufer der Dampflokomotive angesehen werden kann. Die geringe Leistungskraft im Verhältnis zu seinem Gewicht sorgte dafür, dass Cugnot selbst schnell das Interesse an seiner bahnbrechenden Erfindung verlor – Der französische König war jedoch von seiner Arbeit so beeindruckt, dass er Cugnot eine jährliche Pension von 600 Livres zusprach, was ungefähr einer Kaufkraft von 3.000 - 9.000€ entspricht.

Der Dampfmotorwagen von Cugnot
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anonym, Fardier a vapeur, als gemeinfrei gekennzeichnet

Der Dampfmotorwagen von Nicholas Cugnot, der auch gleichzeitig als Vorläufer der Dampflokomotive angesehen werden kann.

Weit vor Carl Benz entwickelte auch der schottische Erfinder Robert Anderson schon 1832 den ersten elektrisch angetriebenen Wagen, der nach Cugnots Dampfwagen das zweite selbstfahrende Automobil der Geschichte war, während gleichzeitig auch in den Niederlanden und den USA an Elektrofahrzeugen geforscht wurde. Schon über 20 Jahre vor Carl Benz legte der Franzose Étienne Lenoir mit seinem Hippomobile, einem Wagen mit Gasmotor, erfolgreich eine Strecke von 18 km zurück. Das Gefährt wurde aber aufgrund seines schwachen Motors und des hohen Gewichts kein Erfolg und der Prototyp tragischerweise im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zerstört.

Die Bedeutung Carl Benz' für die Entwicklung des Automobils

Obwohl Carl Benz nicht der alleinige Urheber des Automobils ist, so gilt er als Erfinder des ersten Automobils mit Verbrennungsmotor, das den Grundstein zur Entwicklung moderner Fahrzeuge legte. Elemente und Weiterentwicklungen seines Motorwagens, wie beispielsweise der Zündkerze oder der Achsenschenkellekung, sind noch bis heute in nahezu jedem Fahrzeug zu finden und unterstreichen noch einmal seine Bedeutung für die Evolution des Automobils, auch wenn zeitgleich und zuvor andere Erfinder ähnliche Projekte realisiert haben, deren Meilensteine mitunter heute nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. Bis heute ist Carl Benz fest mit der Geschichte der Daimler AG und der Marke Mercedes-Benz verbunden, obwohl er sein eigenes Unternehmen frühzeitig verließ, bevor es mit dem Autobauer aus Stuttgart in den 1920ern fusionierte.

All das wäre aber ohne die Unterstützung und den Mut seiner Frau Bertha Benz nicht möglich gewesen, die trotz der Kontroverse, ob ihr Mann nun das erste Automobil entwickelt hat oder nicht, die erste Frau am Steuer eines Automobils war – noch bevor die Männer das Fahren lernten. Noch heute kann man auf der Bertha Benz Memorial-Route auf ihren Spuren wandeln und wer weiß, vielleicht hätte die Entwicklung des modernen Automobils ohne das Zutun von Bertha Benz einen ganz anderen Weg eingeschlagen.

In unserem Blog findest du viele weitere spannende Artikel rund um das Thema Oldtimer und Youngtimer. Kennst du schon die Entwicklungsgeschichte des Audi quattro oder den VW 2Ta von Klaus Jacklen, der sogar schon in Filmen mitgespielt hat?

Bildrechte Titelbild: DaimlerChrysler AG, Patent-Motorwagen Nr.1CC BY-SA 3.0